Die Wirkung der menschlichen Stimme

Selten wird der Stimme des Menschen bewusst Bedeutung beigemessen. Und dennoch entscheidet sie darüber, ob uns jemand sympathisch oder unsympathisch ist, kompetent oder inkompetent erscheint.

Ob wir sprechen, singen, schreien, seufzen oder stöhnen - das menschliche Gehirn verarbeitet jedes artikulierte Wort bereits nach 140 Millisekunden. Nur konzentrieren sich die meisten dabei viel zu sehr auf die Wirkung der Worte - und vergessen die Kraft des Klangs.

Der Ton macht die Musik. Die Wirkung einer Botschaft hängt nur zu sieben Prozent vom Inhalt ab, 38 Prozent machen Stimme, Tonfall, Betonung und Artikulation aus und 55 Prozent Gestik und Mimik, so der amerikanische Psychologe Albert Mehrabian. Seine Zahlen sind wissenschaftlich zwar nicht unumstritten, weil er für seinen Versuch nur knapp 20 Probanden hatte. Unbestritten aber ist die Dominanz der menschlichen Stimme vor dem Inhalt.

Der Flensburger Stimmforscher Hartwig Eckert vertritt die Meinung, dass die Stimme unsere persönlichste Visitenkarte sei, da sie unverfälschlich ist und damit sehr authentisch. In Zeiten, in denen wir uns weder auf die Echtheit und Unfälschbarkeit von Worten noch Bildern in den Medien verlassen können, bekommt die Stimme ein völlig neues Gewicht. Die menschliche Stimme ist nicht nur eindeutiges Identifikationsmerkmal, sondern nahezu fälschungssicher.

Bereits Intonation und Atmung entscheiden darüber, ob unser Gegenüber uns als sympathisch oder unsympathisch einstuft. Das hängt mit dem so genannten psychorespiratorischen Effekt zusammen: Wir imitieren, wenn wir zuhören. Der Redner, der nervös am Pult radebrecht, verursacht auch bei seinen Zuhörern Atemkrämpfe. Genauso spürt man ein herannahendes Räuspern oder nimmt es vorweg, wenn das Knarren des Redners unerträglich wird. Umgekehrt: Wer uns durch seine Stimme beruhigt und entspannt, vielleicht sogar stimuliert, ist uns sofort sympathisch. Schuld an diesen Übertragungen sind die Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn: Sie lassen uns en Detail nachempfinden, was in unserem Gegenüber gerade vorgeht. Ein im wahrsten Sinne des Wortes verräterischer Vorgang.

Die Stimme des Menschen entscheidet also mit darüber, ob wir seriös und souverän wirken. Die Stimme setzt Assoziationen beim Hörer frei, derer er sich nicht einmal bewusst wird. Alles was unser Gegenüber mitbekommt ist die Wirkung, die die menschliche Stimme erzielt. Und auch das wird selten genug bewusst registriert. Die Stimme findet unmittelbaren Zugang zum Gefühl unseres Gegenübers. Und da sich Menschen beim Kennen lernen einer Personen binnen der ersten 7 Sekunden bereits ein Bild darüber gemacht haben, ob die andere Person sympathisch oder unsympathisch, interessant oder uninteressant ist, kann unsere Stimme entscheidend dazu beitragen, wie unsere menschlichen Kontakte verlaufen.

Die Stimme ist aber auch ein gefährlicher Verräter. Sie kann die Gemütslage des Sprechers ebenso entlarven, wie dessen Absichten. Das limbische System, die Schaltzentrale für Gefühle in unserem Gehirn, wirkt nämlich auch auf Zwischentöne: Ist jemand niedergeschlagen oder traurig, so erschlafft seine Sprechmuskulatur, die Stimmlippen reagieren etwas verzögert und vibrieren sanfter. Prompt klingt die Stimme tiefer, aber eben auch kraftloser und weniger deutlich. Desinteresse oder Frust dagegen machen die Stimme monoton und flach, der Melodie der Sprache fehlt die Modulation. Wer gestresst oder nervös ist, klingt wiederum dünn und gepresst, dem Sprecher schnürt es sprichwörtlich die Kehle zu. Diese Stimmlippenbekenntnisse sind in allen Ländern der Erde gleich und unabhängig vom Kulturkreis.

Selbst das Alter eines Menschen können ungeübte Ohren aus der Stimme heraushören, so der Berliner Sprachforscher Markus Brückl. Brückls Studien zeigen aber auch: Was wir heraushören, ist weniger das tatsächliche Alter eines Menschen in Jahren, sondern sein biologisches Alter, also wie fit sich der jeweilige Sprecher gehalten hat. Auch deuten jüngste Forschungsergebnisse stark darauf hin, dass selbst der Charakter einer Person in deren Stimme hörbar wird.
Wir können dieses wunderbare Instrument, die Stimme, für uns nutzen. Denn wir wissen heute auch, dass alleine ein Training der Stimme und ein Bewusstsein über die eigene Stimme die Möglichkeiten der Nutzung stark ausdehnen. Wer bewusst seine Stimme einsetzt, kann Ton und Ausdrucksstärke verbessern und verändern, kann nicht nur mit der Stimme gezielt eine Stimmung in seiner Umgebung schaffen oder verändern, sondern auch die eigene Stimmung und das eigene Wohlgefühl positiv beeinflussen.

Beitrag von:
Julia Sobainsky, TAW-Trainerin, Begründerin des Pro-Charisma®-Trainingssystems, studierte Schauspiel und arbeitete über 10 Jahre in diesem Beruf, bevor sie sich mit Pro Charisma® selbstständig machte. In 20jähriger Erfahrung als Sprecherin für Funk und TV, 15jähriger Forschungsarbeit zum Thema Charisma und vielfältigsten Fortbildungen im Trainingsbereich und als Theaterpädagogin entwickelte sie das Pro-Charisma®-Trainingssystem, welches als eines der ersten Charisma mit System erlernbar macht. Frau Sobainsky ist außerdem seit 6 Jahren als Hochschuldozentin für Soft-Skills tätig.

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