Im Rahmen des Geschäftsberichts 2024 haben wir mit Oliver Haarmann über die Rolle von Weiterbildung im Wandel gesprochen. Als Trainer, Berater und sogenannter „Possibilist“ bringt er eine visionäre Perspektive auf die Herausforderungen und Chancen in einer sich transformierenden Arbeitswelt mit.
Im Interview spricht Oliver Haarmann über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven der beruflichen Weiterbildung. Er erläutert, wie Digitalisierung, Fachkräftemangel und neue Lernformate die Anforderungen an Qualifizierung verändern. Zudem beschreibt er, welche Kompetenzen künftig an Bedeutung gewinnen, wie sich Lernangebote weiterentwickeln und welche Rolle Unternehmen sowie Bildungseinrichtungen dabei spielen. Das Gespräch gibt Einblicke in Trends der Qualifizierung und zeigt, welche Bedeutung kontinuierliches Lernen für Fachkräfte und Organisationen hat.
Wie bewerten Sie die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland mit Blick auf Weiterbildung?
Oliver Haarmann: Wir stehen vor einer systemischen Zeitenwende. Was wir brauchen, sind keine kleinen Reformen oder punktuellen Anpassungen, sondern tiefgreifende strukturelle Veränderungen – vor allem in der Ökonomie, denn sie schafft die Grundlagen für gesellschaftlichen Wandel. Die bisherigen Strukturen müssen sich transformieren: Institutionen, Märkte, Unternehmen, Rahmenbedingungen.
Wir erleben den Übergang von einer Wissens- in eine kompetenzbasierte Ökonomie. Weiterbildung wird damit zur zentralen Infrastruktur der Zukunft. Es geht nicht mehr nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern Menschen in zukunftsrelevanten Kompetenzen zu befähigen. Digitalisierung, KI, Robotik, Quantentechnologie, Kreislaufwirtschaft, neue Energien, New Work, Klimawandel, Life-Work-Balance – all das verlangt neue Stärken.
Welche Bedeutung hat Weiterbildung als Konstante in einer sich wandelnden Arbeitswelt?
Oliver Haarmann: Weiterbildung ist der zentrale Orientierungspunkt in einer Zeit permanenter Unsicherheit. Klassische Didaktik stößt an ihre Grenzen. Wir brauchen neue Lernkulturen, neue Räume und Formate – und vor allem ein neues Mindset. „Learning everywhere“ ist für mich nicht nur ein Schlagwort, sondern die neue Normalität. Lernen muss uns immanent begleiten, Freude machen und im Alltag verankert sein. Es wird zum existenziellen Bestandteil beruflicher und persönlicher Entwicklung.
Welche Herausforderungen sehen Sie für Unternehmen und Fachkräfte hinsichtlich des Fachkräftemangels?
Oliver Haarmann: Ich spreche nicht mehr vom Fachkräftemangel, sondern vom Fachkräftewettbewerb. Diese Perspektivverschiebung ist entscheidend: Sie ersetzt Mangeldenken durch Gestaltungswillen. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, sich selbst zukunftsfähig aufzustellen. Das bedeutet: eine klare Vision entwickeln, Sinn stiften, interne Strukturen transformieren, echte Arbeitgebermarken aufbauen und Leadership neu denken. Wer heute Talente gewinnen und binden will, muss nicht nur gute Bedingungen bieten, sondern inspirieren und vertrauen.
Wie können Bildungsinstitutionen wie die TAW Unternehmen und Fachkräfte bestmöglich unterstützen?
Oliver Haarmann: Die TAW kann ein zentraler Ermöglicher werden: Sie muss Plattform sein für zukunftsrelevante Themen wie Mindset, Selbstführung, Sinnorientierung, Vision und Werte. Kompetenzen sollten gegenüber formalen Abschlüssen an Relevanz gewinnen. „Finden, Gewinnen, Binden“ wird zur strategischen Devise – und Weiterbildung spielt dabei eine Hauptrolle. Führung muss neu gedacht werden: als Coaching, als Team-Support, als Ermöglicher von Selbstorganisation. Nur so schaffen wir psychologische Sicherheit und Vertrauen.
Welche Entwicklungen oder Trends sehen Sie für die berufliche Weiterbildung?
Oliver Haarmann: Die berufliche Weiterbildung muss agil werden. Monatliche Anpassung an neue Zukunftskompetenzen ist Pflicht. Es braucht Konzepte für selbst gesteuertes, stärkenorientiertes Lernen, multiprofessionelle Teams, Resilienz und Inklusion. Lernräume müssen Schutz und Fokus bieten – in einer Welt, die zunehmend als Bedrohung wahrgenommen wird.
Wie müssen Weiterbildungsformate gestaltet sein, um Menschen nachhaltig zu befähigen?
Oliver Haarmann: Es geht um Konzepte, die Sinn stiften und Orientierung bieten. Formate müssen individuell, adaptiv und hybrid sein. Selbstgesteuertes Lernen mit echtem Support, Lerncoaching und echten Räumen für Austausch und Entwicklung.
Welche Rolle spielen Soft Skills in der heutigen Weiterbildung?
Oliver Haarmann: Eine zentrale. Wir brauchen ein menschenzentriertes Lernen: Teamfähigkeit, Achtsamkeit, Sprachfähigkeit, Entscheidungsfreude, Wahrnehmungsfähigkeit – das sind die neuen Grundlagen jeder Form der Zusammenarbeit.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden für Weiterbildung?
Oliver Haarmann: Drei Dinge:
- Die Wahrnehmung, dass Weiterbildung überhaupt sinnstiftend sein kann.
- Fehlende Impulse und Vorbilder.
- Der Irrglaube, Weiterbildung sei nur ein Karrierethema – dabei ist sie ein Lebensthema.
Herr Haarmann, vielen Dank für das Gespräch!
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